Der Female Gaze – warum es wichtig ist, Geschichten aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen

Gleichstellung der Geschlechter in Film & Theater

Sara Sommerfeldt lebt in Berlin. Sie ist Schauspielerin und hat RISING GAZE gegründet, um Film- und Serienprojekte aus einem intersektionalen Female Gaze heraus zu entwickeln. Was das ist und wieso das für uns als Gesellschaft extrem wichtig ist, darüber spreche ich mit ihr im Podcast.  

Sara, wie hast du deine Kindheit verbracht?

Reitend, singend, Theater spielend.

Wie kam es zu der Gründung von Rising Gaze?

Meine berufliche Karriere habe ich als Schauspielerin gestartet, aber ich war oft unglücklich mit den Rollen, die mir angeboten wurden. Ich habe dann nach und nach immer mehr eigene Projekte umgesetzt und 2019 mein Album HERZ AUS GLAS herausgebracht mit selbst verfassten Songtexten. Ich habe herausgefunden, wie sehr es mich erfüllt, meine eigenen Projekte umzusetzen, hinter denen ich voll und ganz stehe. Außerdem ist mir durch meine aktivistische Arbeit für eine Quote in der Film- und Theaterbranche immer mehr klar geworden, wie krass weibliche Perspektiven im deutschen, aber auch im internationalen Film und Theater unterrepräsentiert sind und was das für Auswirkungen auf mich als Mädchen und Frau hatte: Wir sind alle darauf konditioniert, uns und die Welt durch Männeraugen zu sehen. Dass mir das jahrelang nicht einmal aufgefallen ist, finde ich daran am Krassesten. Ich habe deshalb beschlossen, Stoffe zu entwickeln, die den weiblichen* Blick auf die Welt abbilden. Stoffe mit starken, vielschichtigen Frauen*figuren, die wichtige aktuelle Fragestellungen aufgreifen, sind unser Markenzeichen. Mit Hilfe meines vielfältigen Teams möchte ich neue Vorbilder erschaffen, unbewusste Vorurteile abbauen, unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen eine Stimme geben und ein zeitgemäßes Geschlechter- und Weltbild kreieren. 

Außerdem beraten wir Film- und Theaterschaffende sowie Unternehmen aus der Kulturbranche zum Thema Gender, Diversität und Inklusion. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf D&I Storytelling, geschlechtergerechter Teilhabe, Antidiskriminierung, sowie Prävention von Machtmissbrauch. Auch das Themen, die überfällig sind und dringend angegangen werden müssen.

Wie kann ich mir die Arbeit mit Rising Gaze vorstellen?

RISING GAZE hat die zwei Sparten Stoffentwicklung und Beratung. Für die Stoffentwicklung stelle ich geeignete Teams aus Autor:innen und Berater:innen zusammen, die den Erfahrungsschatz einer Geschichte mitbringen. Ich habe gemerkt, dass Geschichten extrem profitieren, wenn die Menschen, von denen sie handeln, bei der Entwicklung dabei sind und ihre Erfahrungen aus erster Hand einbringen. Ich als nicht behinderte Frau würde beispielsweise immer klischeehaft über den Alltag von Menschen mit Behinderung schreiben. Das Leben ist einfach immer krasser und anders, gleichzeitig aber auch alltäglicher, als wir es uns vorstellen können. Menschen mit Behinderung leiden nicht jeden Tag daran, dass sie beispielsweise im Rollstuhl sitzen. Das ist für sie Alltag. Sie haben ganz andere Probleme, nämlich fehlenden Zugang zur Gesellschaft. Oder einfach Liebeskummer wie jeder andere Mensch auch. Wenn man da genau hinschaut, liegt da ein großes Potenzial für überraschende Geschichten und neue Figuren, die wir so noch nicht gesehen haben. Ein riesiger Schatz, den es zu entdecken gilt.
Die zweite Sparte von RISING GAZE ist Sensitivity Beratung. Wir geben Feedback zu Drehbüchern, überprüfen sie auf diskriminierende Narrative, bieten wie oben beschrieben Erfahrungen aus erster Hand, die einen Film oder eine Serie noch einzigartiger, origineller und moderner machen können. Außerdem bieten wir auch Beratung für Unternehmen an, die diverser und inklusiver werden möchten.

Welche Menschen arbeiten bei Rising Gaze?

Mein großartiges Team, auf das ich wirklich sehr stolz bin, besteht aus Aktivist:innen, Autor:innen, Regisseur:innen und Filmemacher:innen, die sich für mehr Vielfalt im Film und im Theater einsetzen. Diese Vielfalt spiegelt sich auch im Team von RISING GAZE wider. Wir sind extrem unterschiedlich, bereichern uns durch unsere verschiedenen Sichtweisen und beraten zu allen aktuell heiß diskutierten Themen wie Rassismus, Gender, Sexismus, Ableismus, Homophobie etc. Außerdem liegt uns das Thema Gewalt gegen FLINTA* sehr am Herzen, und wie diese Gewalt in Filmen dargestellt wird. Das Besondere an RISING GAZE ist, dass wir aus den entsprechenden Communities kommen und den Erfahrungsschatz mitbringen und deshalb direkt aus der Perspektive derer beraten, um die es geht. Oft wird über diskriminierte Bevölkerungsgruppen gesprochen – statt direkt mit ihnen zu sprechen. Das ermöglichen wir unseren Auftraggeber:innen niedrigschwellig. Außerdem ist es oft so, dass Aktivist:innen Beratungsaufgaben kostenlos erledigen, weil sie eben Veränderungen anstoßen wollen. Das kann aber niemand auf Dauer leisten. Unsere Berater:innen werden für ihr Knowhow bezahlt, und unsere Auftraggeber:innen profitieren von ihrem Erfahrungsschatz aus erster Hand. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Am Besten ist es natürlich, Menschen aus den Communities direkt in die Entwicklung eines Projektes einzubeziehen, weswegen wir unsere Expert:innen auch als Autor:innen oder Berater:innen in Writersrooms vermitteln. Oder sie begleiten die ganze Produktion von der ersten Idee bis zur Ausstrahlung. Es reicht nicht, ein paar Leute aus unterrepräsentierten Communities einmal durchs Bild hüpfen zu lassen. Die Zusammenstellung der Teams ist entscheidend – vor und hinter der Kamera. Und dann sollte sich auch jemand darum kümmern, dass sich alle am Set wohlfühlen. Zum Beispiel ist es eine gute Idee, wenn Maskenbildner:innen, die bisher nur weiße Schauspieler:innen geschminkt haben, sich gut darauf vorbereiten, wenn Schwarze Schauspieler:innen ans Set kommen, damit sie sich genauso gut aufgehoben fühlen wie ihre Kolleg:innen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, auch eine:n Schwarze:n Maskenbildner:in zu engagieren. Diversity und Inklusion müssen in einem Projekt von Anfang bis Ende mitgedacht werden.   

Welche weiblichen Hauptfiguren inspirieren dich?

Ich mag, was Reese Witherspoon in den USA macht und möchte mit RISING GAZE so wie sie mit HELLO SUNSHINE ein ganzes Universum an neuen Geschichten erschaffen. 2021 wurde das Medienunternehmen für knapp eine Milliarde US Dollar verkauft. Dieses Beispiel zeigt, dass in dem Markt nicht nur eine Menge Frauenpower sondern auch echtes Geld steckt.

Mich inspirieren weibliche Hauptfiguren, die Fehler haben dürfen, die nicht perfekt sind. Und die den Mut haben, brisante Themen auf den Tisch zu bringen. Ganz normale Frauen, die über sich hinauswachsen und für die Dinge, die ihnen wichtig sind, kämpfen. Dabei ist mir auch Humor wichtig. Außerdem habe ich eine große Sehnsucht nach alten, weisen Frauenfiguren, die ihre Lebenserfahrungen mit uns teilen. Frauen sind ja sowieso schon unterrepräsentiert, aber bei Frauen über 35 sieht es noch düsterer aus. Von Frauen über 60 ganz zu schweigen. Die will ich sehen, in all ihrer Fülle und Schönheit.

Welche Veränderungen wünschst du dir für die Welt?


Ich wünsche mir, dass die Gleichstellung der Geschlechter endlich verwirklicht wird. Nonbinäre Geschlechter natürlich inbegriffen. Eine Studie des International Peace Instituts aus New York konnte belegen, dass Friedensverträge länger halten, wenn Frauen in die Verhandlungen einbezogen wurden. Wenn wir uns nun vorstellen, die Vielfalt noch viel weiter zu denken, könnte das viele gute Antworten und Lösungen für die Probleme der Menschheit bringen. Also wenn wir möglichst viele Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion, Geschlechter, sexuelle Identität, mit und ohne Behinderung generationsübergreifend in die Beratungen einbeziehen. Nur wenn die Bedürfnisse aller Gruppen berücksichtigt werden, kann eine sinnvolle Lösung gefunden werden. Ich hoffe, dass sich dieser Gedanke immer mehr durchsetzt und immer mehr unterrepräsentierte Stimmen ernst genommen und gehört werden. Dazu gehören übrigens auch die Stimmen von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen.

Kannst du schon einen positiven Wandel in der Medien- und Theaterwelt erkennen?

Es hat sich einiges verbessert, und einiges ist angestoßen worden. Es ist gut, dass wir jetzt über Missstände reden. Die Erfahrung seit dem Aufkommen der #Metoo-Bewegung zeigt aber auch, dass es nicht reicht, nur darüber zu sprechen. Wir brauchen verbindliche Regeln und Konsequenzen für die, die sich nicht daran halten. Und vor allem brauchen wir viel mehr mutige Menschen, die den Mund aufmachen und die Probleme, die wir hier in Deutschland haben, beim Namen nennen. Es ist eine deutsche Krankheit, die eigenen Probleme nicht wahrnehmen zu wollen. Dabei sind wir von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Dass jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet wird, scheint niemanden zu jucken. 

Aber zurück zur deutschen Filmbranche. Ja, es hat sich was getan. Die Zahl der Regisseurinnen ist in den letzten Jahren gestiegen, liegt mit 29% aber immer noch weit unter den angestrebten 50%. Und meist sind sie sehr jung. Wenn sie älter werden, kriegen sie dann oft keine Jobs mehr. Ich spreche hier übrigens nur von Frauen, weil zu Regisseur:innen, die einem nonbinären Geschlecht angehören, keine Zahlen vorliegen. Gleiche Bezahlung ist natürlich auch ein Riesenthema. Auch das Ermöglichen von Care-Arbeit, die zum Großteil immer noch von Frauen bewältigt wird und einen Wiedereinstieg in den Beruf erschwert. Großen Aufholbedarf haben wir bei den Autorinnen, die meisten Geschichten werden immer noch aus einer weißen, männlichen Perspektive erzählt. Das ist fatal und hat enorme Auswirkungen auf uns als Gesellschaft. Die Teams sind aber vor allem vor der Kamera deutlich diverser geworden. Trotzdem ist noch viel Luft nach oben, auch beim Thema Inklusion ist noch sehr viel zu tun. Das steckt alles noch in den Kinderschuhen. 

Was ist Deine absolute Superkraft?

Ich bin eine unverbesserliche Optimistin. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist aufgeben. Es gibt immer Leute, die einem sagen, dass etwas nicht möglich sei. Das sind aber keine allgemeinen Fakten, sondern das bedeutet nur, dass es für diese Person nicht möglich ist. Mein Ur-Ur-Ur-Großonkel Theodor Fontane hat sein Leben lang geschrieben und hatte erst im Alter von 70 Jahren seinen Durchbruch als Autor. Manche können eben einfach nicht anders. Ich spüre diese Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen auch in mir. Dabei ist es sehr wichtig, Fehler zu machen. Denn wer aufhört, Fehler zu machen, lernt nichts dazu. Das ist auch ein Satz von ihm und absolut essentiell.

Ein Glaubenssatz, der Dich schon lange begleitet?


Was mir oft zu schaffen macht, sind all die vielen anderen tollen Kolleg:innen und ihre großartigen Projekte, all die wundervollen Künstler:innen, die scheinbar viel klüger, begabter und erfolgreicher sind als ich. Da frage ich mich schon manchmal, ob ich überhaupt die Berechtigung habe, zu schreiben. Mir ist aber klar geworden, dass nur ich allein das Recht habe zu entscheiden, was ich mit meinem Leben anstelle. Und deshalb mache ich das, was ich am Sinnvollsten finde und was mir den größten Spaß bereitet. Wenn andere das nicht gut finden, ist das ihr gutes Recht. Aber ich lasse niemanden darüber bestimmen, wie ich mein Leben verbringe. Ich brauche von niemandem die Erlaubnis dazu. 

 

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